2000 Ungarntour (Nicole)
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Berichte

Die Staubwolke der roten Paprika - Ungarn 2000

Der rote Punkt entfernt sich langsam, aber stetig. Gleich wird er überhaupt nicht mehr da sein. „Los gib Gas!“. Die Maschinen zieht an. „Halt dich gut fest!“ Vertraute Motorengeräusche dringen ins Ohr. Besser schonen einen Gang raufschalten? Nein, schau: Da vorn ist ein Ast quer im Sand. Drüber. Gut so. Jetzt Gas! Motor? Klingt okay. Achtung der Weg wird schmaler. Eine schwer zerwühlte Spur plötzlich. „Stell Dich hin! Und mehr Gas!“ Jetzt kann der Gang rauf. Wie geschmiert läuft es in diesem lockeren Sand. Au ja: Eine ordentliche Welle kommt! Gas weg, Gas her – abheben – fliegen !

Zusammenspiel zwischen Wahrnehmung und Aktion

Da ist die Spur, der rote Punkt wieder, Konzentration ist angesagt. Morgens um zehn in Ungarn, vergessen Gedanken an Kaffee und Riegel, Bilder und Geräusche aufnehmen, Informationen umsetzen mit augenblicklicher Reaktion. Schneller werden, Kilometer für Kilometer funktioniert das Zusammenspiel zwischen Wahrnehmung und Aktion besser. Alle Sinne arbeiten auf Hochtouren. Arme, Hände, Beine, Füße sind fit und voll dabei. Gas! Bremsen! Gang rauf! Gang runter! Der Kopf steuert, der Körper gehorcht, ein euphorisches Gefühl macht sich breit. Einfach zu erklären: bei traumhaft schönem Wetter unterwegs in einer herbstlich goldfarbenen Landschaft, immer dicht der roten Paprika auf den Fersen – da schüttet der Organismus verschiedenen Hormone aus, Adrenalin darunter. So wird die Energie bereitgestellt ( um an der roten Paprika dran zu bleiben), die Herzfrequenz etwas erhöht und der Atem leicht beschleunigt. Und da ist der rote Punkt wieder, hier deutlich und klar als Endurofahrer zu erkennen. Steht da und fordert: „Kommt, wir machen ne Pause“ Okay. Schließlich sind wir hier nicht in der Wertung einer Rallye und kämpfen nicht um Platzierungen. Es geht nicht um Preis, nicht mal um die Ehre.

Bis 250 km Off-Road pro Tag

Just fun treibt uns. Und hält uns manchmal an, um die Gegend und dann doch auch noch Schokoriegel zu genießen. Wir sind im Urlaub in Ungarn (auf Paprikatour mit MSA): ungefähr 200 bis 250 km Off-Road in unterschiedlichstem Gelände sind pro Tag zu fahren. Mal auf sandig, schnellen Wald – und Feldwegen, mal auf steinigen Hügeln sind wir an den 6 Tagen unterwegs. Die Tour führt uns in großem Bogen um Budapest herum ins Matra – Gebirge im Norden Ungarns und wieder zum Ausgangspunkt in der Puszta zurück.

Wo geht´s bloß lang „

Bei der Jagd der roten Paprika geht es nicht allein darum, herauszufinden, was die Maschine hergibt und Mensch sich zutraut. Gas am Anschlag führt so manchen rasant auf völlig abwegige Strecken. Es soll nach Roadbook gefahren werden. Was öfter zum Halten führt und unterschiedliche Auffassungen zutage bringt: Wo geht´s bloß lang? Hier ist kein Weg! Oder viel zu viele. Interpretation und Köpfchen sind gefragt. Es gibt eine Menge Spielraum für die persönliche Deutung. Die einen fahren sich rechtzeitig einen Plattfuß und reparieren notgedrungen erst mal in Ruhe, andere stieben probeweise in sämtliche Himmelsrichtungen davon, die ganz Coolen mit trendiger Ausstattung im Rucksack greifen zum Handy. „Man muß ein bisschen flexibel sein. Nachdenken ! Ist man falsch gefahren? Ist das Roadbook wirklich falsch? Das ist eher selten der Fall. Ihr müsst hat ein bisserl schauen und überlegen: Was könnte gemeint sein? Was wollte der Roadbookschreiber hier sagen? Norbert Schilcher´s Lektion zum Roadbooklesen an diesem Abend sind eindeutig. Das finden des richtigen Roadbook-Weges ist mindestens so entscheidend, wie der unverzagte Dreh am Gasgriff. Was nützt schon die schnellste hormonell hochdosierte Fahrt in die falsche Richtung !.

Erst schauen, dann fahren

Angespornte Urlauber und ehrgeizige Rallye-Trainees malen rote Paprikas ins Roadbook, legen ihre Ziele für den nächsten Tag ganz klar fest: erst schauen, dann fahren !.

Wichtig wird am nächsten Tag unvermutet dann aber doch noch etwas ganz anderes: oben bleiben ! Es hatte geregnet, der Boden unterscheidet sich stellenweise in nichts von Schmierseife, und selbst für grobe Stollen gibt´s kaum ein Halten mehr. Glücklicherweise hält sich das Nass nicht allzu lange und erneut wird die Paprika vor einer Staubwolke vage erkennbar. An diesem Tag, das war klar, wäre sie beinahe dran gewesen. Unglücklicherweise endet das Roadbook unmittelbar vor diesem Ereignis. In abendlicher Kühle sind die Maschinen schnell wieder fit gemacht. Anschließend sorgt die ungarisch rot-scharfe Küche zusammen mit ungarischem Wein (Farbe ?) für neue Energie bei Fahrern und Fahrerinnen. Tagesergebnisse werden ausführlich erörtert und kommentiert.

MSA steht für Motorrad, Sport und Abenteuer und sagt damit wesentliches über den Charakter von Norbert Schilcher´s Touren aus. Die Vorteile solcher Veranstaltungen liegen klar auf der Hand: Off-Road Gelände wird zugänglich gemacht. Der notwendige Spielraum für individuelle Ziele ist vorhanden. Ob Enduro-Urlaub, ob Vorbereitung und Training zur Rallye: Es geht um Fahren nach Roadbook. Man kann von den Erfahrungen von Norbert Schilcher und seinem Team profitieren. Obendrein gibt´s den einen oder anderen Rallye-Videoclip live kommentiert dazu. Man kann sich messen ohne stressiges Wettbewerbsfeeling und ist zusammen mit verschiedensten Leuten mit mindestens einem gemeinsamen Nenner: Endurofahren isses, immer hinter der roten Paprika (übrigens die rote Paprika heißt Wolfgang) her!

 

Nicole Ziegler